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… Im Jahre 1887 kam der schottische Chirurg J.B. Dunlop auf die Idee, für das Fahrrad seines Sohnes einen aufblasbaren Schlauch zu verwenden. 1888 wurde der Fahrradreifen patentiert, was binnen kurzem zu einem sprunghaften Anstieg der Gumminachfrage geführt hat. Darin liegt zugleich eine Erklärung für die wachsende Brutalität des Regimes im Kongo, wie Sjöblom und Glave sie in ihren Tagebüchern beschrieben haben. Am 29. September 1891 unterzeichnet der belgische König Leopold II. ein Dekret, das den Repräsentanten im Kongo das Monopol für den ‘Handel’ mit Kautschuk und Elfenbein zubilligt. Zugleich wurde die indigene Bevölkerung verpflichtet, Kautschuk und Arbeit zu ‘liefern’, was im Klartext bedeutete, daß ein Handel gar nicht erst notwendig war. Die Vertreter König Leopolds II. beanspruchten schlichtweg alles – und zwar ohne Bezahlung: Arbeit, Kautschuk, Elfenbein. Diejenigen unter den Eingeborenen, die es wagten, sich zu widersetzen, mussten aus ihren Dörfern fliehen, mit ansehen, wie ihre Kinder ermordet wurden oder bekamen die Hände abgehackt. Diese Morde führten zu einem explosionsartigen Anstieg der Profite. Profite, die unter anderem dafür verwendet wurden, Bauwerke zu errichten, von denen einige noch hheute eine Stadt wie Brüssel verunstalten: die Arcades du Cinquantenaire, das Palais de Laeken, das Chateau d’Ardennes. Nur wenige wissen heute noch, wieviele abgehackte Hände diese Bauwerke gekostet haben.
…Wenig später war der Wald gerodet, die Flora und Fauna europäisiert. Die Guanchen hatten ihr Land verloren und schließlich ihr Leben. Wiederholt brach die modorra aus; den Rest erledigten Ruhr, Lungenentzündung und Geschlechtskrankheiten. Wer die Krankheiten überlebte, starb unter dem Joch einer entwürdigenden Knechtschaft, die den Eingeborenen alles nahm, was sie hatten: ihre Verwandten, ihre Freunde, ihre Sprache, ihre Kultur. Als im Jahre 1541 Girolamo Benzoni Las Palmas (Kanarische Inseln) besuchte, war noch genau ein einziger Guanche übriggeblieben – einundachtzig Jahre alt und dem Alkohol verfallen. Das Volk der Guanchen war tot. Die Inselgruppe im östlichen Atlantik war der Kindergarten des europäischen Imperialismus. Hier, auf den ‘glücklichen Inseln’, hatten die imperialistischen Anfänger gelernt, wie gut sich europäische Menschen, Pflanzen und Tiere an eine Umgebung anpassen können, die nicht ihre natürliche ist. Hier lernten sie, daß die Eingeborenen, auch wenn sie zahlenmässig überlegen sind und erbitterten Widerstand leisten, geschlagen, ja sogar ausgerottet werden können, ohne daß jemand so richtig weiß, wie es vor sich geht.
…Schätzungsweise fünf Millionen der Ureinwohner des amerikanischen Kontinents lebten auf dem Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war noch knapp eine halbe Million übrig davon. 1891, dem Jahr der Schlacht von ‘Wounded Knee’, dem letzten großen Massaker an der indigenen Bevölkerung in den USA, hatte die Zahl der Eingeborenen mit einer Viertelmillion ihren Tiefpunkt erreicht. Mit anderen Worten: das Volk der Indianer war auf fünf Prozent seiner ursprünglichen Größe dezimiert worden.
…Für die mittelalterliche Lehre war der Mensch ein einziges unteilbares Ganzes, geschaffen von Gott als Abbild seiner selbst und von ihm an die Spitze der Schöpfung gestellt. William Petty war der erste, der es wagte, das einheitliche Menschenbild in Frage zu stellen und die menschliche Gattung aufzugliedern in unterschiedliche Arten, von denen er einige wiederum eher den Tieren zuordnete. “Es scheint”, so schreibt er in seinem 1676 erschienen Werk The Scale of Creatures, “als gebe es unterschiedliche Arten menschlichen Seins. Denn ich behaupte, der Europäer unterscheidet sich vom Afrikaner nicht allein durch Hautfarbe, sondern auch durch seine natürlichen Verhaltensformen und die herausragenden Eigenschaften seines Geistes.” Erstmals wurde die Menschheit nicht nur in Völker und Herrschaftsgebiete, sondern auch in unterschiedliche biologische Arten aufgeteilt. Das Modell fand jedoch zunächst keine besondere Aufmerksamkeit. …
…Nicht an Wissen mangelt es. Die gebildete Öffentlichkeit hat immer recht genau gewusst, welche Greueltaten verübt wurden und werden im Namen von Fortschritt, Zivilisation, Sozialismus, Demokratie und freier Marktwirtschaft.
…Ihr wißt das schon. Ich auch. Nicht an Wissen mangelt es uns. Was fehlt, ist der Mut, begreifen zu wollen, was wir wissen, und daraus die Konsequenzen zu ziehen.
Auszug aus ‘Exterminate All the Brutes’ von Sven Lindqvist, Granta Books, London, 1997, aus dem Schwedischen übersetzt ‘Durch das Herz der Finsternis’, Unionsverlag, 2002 Deutsche Erstausgabe erschien 1999 beim Campusverlag (www.svenlindqvist.net )
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