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„Wie soll man beim meditieren atmen?“
„Natürlich und langsam. Durch die Nase, wenn deine Gedanken friedlich sind; durch den Mund, wenn sie in Unruhe sind. Das Zwerchfell ist leicht und beweglich wie eine Qualle, der Anus ist entspannt, der Hals ist entspannt, das Gehirn ist entspannt, die Schädelknochen sind wie ein zweites Zwerchfell, die Schultern, die Arme, die Hände sind entspannt. Die Zungenspitze liegt am Gaumen, drückt sich gegen die oberen Schneidezähne. Die Wirbelsäule ist gestreckt, die einzelnen Wirbel sind wie kleine, runde und mit Sand gefüllte Kissen übereinandergeschichtet. Die leicht geöffneten Augen blicken nach unten zur Erde, oder sie sind, weit geöffnet, aufs Unendliche gerichtet. Dann verlängert man die Atemzüge, ohne sich dabei anzustrengen, lässt den Atem flacher werden, legt danach zwischen ein- und ausatmen eine Pause ein, die uns zeigt, dass das Göttliche in der Leere dieser Zwischenzeit liegt. Anschließend praktiziert man die zirkulierende, aus dem hamsa entstandene Atmung.“
„Wenn man als Anfänger zu meditieren beginnt, ist es dann nicht leichter, ein Konzentrationsobjekt zu haben?“
„Man kann sich auf ein Kieselsteinchen oder irgendein anderes Objekt konzentrieren. Aber man vorsichtig sein, das nicht für zu lange Zeit zu tun, sonst wird es im Geist zu einem Fossil versteinern. Wer mit einer Art Krücke meditiert, muss zwischen geistiger Konzentration und Entspannung abwechseln, wie bei den Wellen, die anlaufen und zurückfluten. Man muss die Konzentration atmen lassen, sonst ermüden wir nur, und das Ganze war umsonst.“
„Was ist, wenn uns Gedanken durch den Kopf gehen und unsere Versunkenheit stören?“
„Man muss mit dem Glauben aufräumen, dass diese Augenblicke des Abgelenktseins sich gegen die Versunkenheit richten. Sie sind eine Form von Energie, die in der Versunkenheit verankert wird. Sobald wir sie nicht mehr als störendes Hindernis betrachten, erleben wir das Wunder einer Verwandlung, in der das Unruhige das Ruhige ernährt. In der Nicht-Dualität gibt es keine Gegensätze. Jede Anstrengung, einen Störfaktor abzuschwächen oder auszuschalten, verstärkt ihn nur. Die Wolken gehören zur Schönheit des Himmels. Die Sternschnuppen sind ein integrierter Bestandteil der Nacht. Die Nacht sagt sich nicht: ‚Da kommt eine Sternschnuppe und stört meinen Frieden!’ Sei also wie der Himmel und dein Geist wird alles integrieren.“
„Wie soll man sich nach der Meditation in der Aussenwelt bewegen?“
„Wir müssen dabei festhalten, daß wir nicht meditieren, um vor irgendetwas in der Aussenwelt zu fliehen oder um irgendetwas aus der Aussenwelt zu erreichen. Wir meditieren auch nicht, um mit Bewusstseinsveränderungen oder dergleichen zu experimentieren. Wir meditieren lediglich um selbst zu erkennen, dass alles in uns ist, jedes Atom des Universums und dass wir bereits alles besitzen, was wir ausserhalb unserer selbst finden wollen. Meditieren heißt hundertprozentig in der Wirklichkeit zu sein. Und wenn wir in der Wirklichkeit sind, was würden wir verlassen, indem wir in die Aussenwelt eintreten? In Einsamkeit zu meditieren oder durch das Gewühl einer lärmenden, verpesteten Stadt zu gehen, ist letztlich ein und dasselbe. Erst wenn wir das realisiert haben, beginnen wir wirklich zu meditieren. Es gibt nichts, dem wir in der Meditation nachjagten, keinen Zustand, den wir zu erreichen suchten, und keine andere Ekstase, als die, gänzlich in der Wirklichkeit zu sein. Wer behauptet, sich durch die Meditation andere, höhere Bewusstseinsebenen zu erschließen nimmt bhang.* Von dem Augenblick an, wo wir das gesamte Universum sind, wohin können wir gehoben werden? Wir brauchen nur die Augen zu öffnen. Alles ist da. Wenn wir auf diese Art meditieren, sitzend, stehend oder liegend, fliessen wir über mit dem Göttlichen und das Göttliche fliesst über in uns.“
*indisches Getränk auf Cannabis-Basis, das Halluzinationen hervorruft
Auszug aus ‘Tantric Quest’ von Daniel Odier (Inner Traditions, 1997), der 1968 nach Indien gegangen ist und dort von Devi, einer grossen Yogin, in die Lehren des Shivaischen Tantrismus eingeweiht wurde. Deutscher Buchtitel: ‘Tantra – Eintauchen in die absolute Liebe, Aquamarin, 2003
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